DAS WAR
Wir lagen zusammen im Bett. Draußen war es richtig kalt und unter der Decke wohlig warm. So gab es für mich keinen Grund zu gehen.
“Wenn ich nun einen Freund hätte?”
Ich blickte auf seine Lippen. Seine mit Stoppelbart umrundeten, vollen Lippen. Ich hatte mir längst abgewöhnt, Menschen in die Augen zu schauen, was ich mir mühsam erlernt hatte, um selbstsicher zu wirken. Wer schon mal mit einem Blinden gesprochen hat, wird auch die Erfahrung gemacht haben, dass diese einem nur auf den Mund sehen. Auf das Einzige, das sie orten können: die Geräuschequelle. Vielleicht hatte ich mich selbst geblendet, mit den Worten, mit der Vollkommenheit dieses Mundes. Vielleicht wollte ich gar nicht hinter die Fassade bicken. Ich habe einmal ein Buch gelesen, in dem Verhörtaktiken beschrieben wurden. Wenn ich mich richtig erinnere, dann lügt jemand, sollte ihm eine Frage gestellt werden und er blickt nach unten links. Wenn er nach oben rechts schaut, so sei er nachdenklich. Ich erwische mich so selbst oft beim Lügen, habe es früher so gut beherrscht und den Menschen direkt in die Augen gesehen. So ersticht mich heute jeder direkte Blick. Ich habe wohl damit aufgehört, den Menschen in die Augen zu sehen, als meine Zahnspange abgenommen wurde. Da blickte mir ein jeder stets auf den Mund, wenn ich etwas erzählte und es machte mich so nervös. Vielleicht war es das, was ich in diesen Situationen bewirken wollte und was mir in Fleisch und Blut übergegangen war. Der Gedanke diesen Lippen nahe sein zu wollen. Sich vorzustellen, wie sie sich wohl anfühlen würden, oder schmecken. Was geht in jemanden vor, der einem auf die Lippen blickt? Vielleicht die Tageskarte, vielleicht aber auch profane Dinge. Ach wer weiß, aber die Verschwommenheit der Dinge erzeugt den Reiz.
“Das wäre mir egal” antwortete er mir auf meine Frage und war besonders darauf bedacht, dass ich mich an diesem Abend wohl fühlte.
DAS WÄRE
Ich stand im Raum, in Dunkelheit getaucht. Wütend. Leer. Alles so kalt. Er im Bett mit diesem Weib. Mittendrin. Voll dabei. Wut und Hass entluden sich. In sein Gesicht, auf seine Stirn, die ich am Abend zuvor noch küsste. Sein Gesicht rot, vor Scham und Schmerz. Und er machte weiter und ich auch und er ließe es über sich ergehen. -”Ich verstehe dich ja.”- Das Fleischgespinn weiter im Takt, während ich ihn nicht traf, nicht so traf, wie er mich. Und dann lief ich weg.
“Dir wäre es egal. Mich treibt der Gedanke allein in Alpträume.”