Die Macht des Träumens

13 03 2011
DAS WAR

Wir lagen zusammen im Bett. Draußen war es richtig kalt und unter der Decke wohlig warm. So gab es für mich keinen Grund zu gehen.

“Wenn ich nun einen Freund hätte?”

Ich blickte auf seine Lippen. Seine mit Stoppelbart umrundeten, vollen Lippen. Ich hatte mir längst abgewöhnt, Menschen in die Augen zu schauen, was ich mir mühsam erlernt hatte, um selbstsicher zu wirken. Wer schon mal mit einem Blinden gesprochen hat, wird auch die Erfahrung gemacht haben, dass diese einem nur auf den Mund sehen. Auf das Einzige, das sie orten können: die Geräuschequelle. Vielleicht hatte ich mich selbst geblendet, mit den Worten, mit der Vollkommenheit dieses Mundes. Vielleicht wollte ich gar nicht hinter die Fassade bicken. Ich habe einmal ein Buch gelesen, in dem Verhörtaktiken beschrieben wurden. Wenn ich mich richtig erinnere, dann lügt jemand, sollte ihm eine Frage gestellt werden und er blickt nach unten links. Wenn er nach oben rechts schaut, so sei er nachdenklich. Ich erwische mich so selbst oft beim Lügen, habe es früher so gut beherrscht und den Menschen direkt in die Augen gesehen. So ersticht mich heute jeder direkte Blick. Ich habe wohl damit aufgehört, den Menschen in die Augen zu sehen, als meine Zahnspange abgenommen wurde. Da blickte mir ein jeder stets auf den Mund, wenn ich etwas erzählte und es machte mich so nervös. Vielleicht war es das, was ich in diesen Situationen bewirken wollte und was mir in Fleisch und Blut übergegangen war. Der Gedanke diesen Lippen nahe sein zu wollen. Sich vorzustellen, wie sie sich wohl anfühlen würden, oder schmecken. Was geht in jemanden vor, der einem auf die Lippen blickt? Vielleicht die Tageskarte, vielleicht aber auch profane Dinge. Ach wer weiß, aber die Verschwommenheit der Dinge erzeugt den Reiz.

“Das wäre mir egal” antwortete er mir auf meine Frage und war besonders darauf bedacht, dass ich mich an diesem Abend wohl fühlte.

DAS WÄRE

Ich stand im Raum, in Dunkelheit getaucht. Wütend. Leer. Alles so kalt. Er im Bett mit diesem Weib. Mittendrin. Voll dabei. Wut und Hass entluden sich. In sein Gesicht, auf seine Stirn, die ich am Abend zuvor noch küsste. Sein Gesicht rot, vor Scham und Schmerz. Und er machte weiter und ich auch und er ließe es über sich ergehen. -”Ich verstehe dich ja.”- Das Fleischgespinn weiter im Takt, während ich ihn nicht traf, nicht so traf, wie er mich. Und dann lief ich weg.

“Dir wäre es egal. Mich treibt der Gedanke allein in Alpträume.”





Kummerkasten sucht Kummerkasten

13 03 2011

Und als Letztes sprach er: ” Mir geht es gut. Meine Frau ist gerade gestorben.” Ich setzte mich wieder an meinen Arbeitsplatz und versuchte meine Gedanken zu ordnen.

Und so dürfen Sie sich die letzten Wochen vorstellen, an jedem Tag eine solch schockierende oder fesselnde Wahrheit, eröffnet zu bekommen, die mit Bedacht behandelt werden muss und im Falle nicht weiter geben werden darf. Vielleicht mögen dem ein oder anderen die Probleme anderer nicht nahe gehen, jedoch mich schockierten sie, eine nach der anderen und ich tat mir schwer immer wieder meine Gedanken neu zu ordnen. Weiter zu machen. Neben Arbeit, Ausbildung und den Problemen der mir wichtigen und auch nahe stehenden Personen mich selbst nicht zu verlieren. Sie nicht zu verlieren.

Ich frage mich: “Wo stehe ich wenn die Probleme anderer überhand nehmen?”

Ich höre ihnen gerne zu, weiß auch, ich bin eine gute Zuhörerin. Ich erinnere mich an einen Bekannten, der sich bei mir beschwerte, dass er immer nur der “Kummerkasten” sei. Dass ihm jedoch die Menschen nie zuhören, wenn er jemanden bräuchte, wenn er seine Probleme los werden wolle. Damals dachte ich mir, dass es vielleicht ein Geschlechter spezifisches Problem sei. Dass er als Mann kein offenes Ohr für seine alltäglichen Problemen fände. Dass er keine “Busenfreundin” besäße, der er selbst seine kleinsten Probleme anvertrauen könnte. Es mag vielleicht darin auch ein Fünkchen Wahrheit stecken. Aber:

Wenn ein Kummerkasten Briefe verschickt, bleibt dieser oft unbeantwortet.

“Du, Herr XY’s Frau ist verstorben!”

“Ja und? Der kann sich eh eine neue suchen??”

Ich bin oft mit den Belangen anderer, die mich so gewurmt haben auf Desinteresse gestoßen. Meine Gedanken und mein Mitleid wurden regelrecht abgewürgt und ich fragte mich: “Haben viele denn kein Mitgefühl für die Sorgen anderer?” Kann man das als überhaupt als Desinteresse bezeichnen? Oder steckt eher eine Art Abgrenzung der Probleme dahinter? Im Sinne von: die Belastung anderer wird zur eigenen Belastung, daher lasse man es nicht an sich heran. Und haben diese Menschen dem zufolge auch eine heilere Gefühlswelt?

 

Mich würde ja interssieren wie das eigentlich Psychiater machen. Man hört ja immer wieder, dass diese selbst auch zur Gesprächstherapie gehen, um mit den Problemen anderer fertig zu werden.

Vielleicht ist eine gute Kombination von Achtung und Missachtung, der mentalen Belastungen der anderen, eine gesündere Variante.

Sich selbst von den Problemen anderer abgrenzen, aber nicht ausgrenzen.

Die Probleme anderer nicht zu nahe heran zu lassen heißt nicht, sie nicht zu beachten. Ganz schön kompliziert, nicht wahr?








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