In den letzten Wochen habe ich mal wieder am eigenen Leib erfahren, dass es eine Seltenheit ist, Feinfühligkeit an den Tag zu legen, rational zu denken, Termine einzuhalten uvm.
Mein Magengeschwür sagt mir, wann es für mich zu viel wird.
Ja, es kann tatsächlich reden! Nachdem ich sicher einen Monat mit Stress gut umgehen konnte, ärgerte ich mich letzte Woche dermaßen, dass sich das Magengeschwür wieder zu Wort meldete und sagte:“Oida! Es reicht! Setz dich hin und vergiss den ganzen Ärger!“. An dieser Stelle wollte ich mich herzlich bei meinem Magengeschwür bedanken, dass es immer zu mir steht. Jedenfalls wollte ich einen Eklat ansprechen, der Teil der physischen Verschlechterung meines Zustandes ist: ich bin gewissermaßen harmoniesüchtig geworden.
„Harmonie ist eine Strategie“ (Tocotronic)
Jedoch, so wurde mir bewusst, in Ecken gedrängt, dass es manchmal ohne Streit nicht anders geht. Ja, manchmal wird man sogar angefleht endlich Streit zu beginnen. Damit meine ich, dass andere vielleicht an Stellen, an denen ich mich zurück ziehen würde, um zu entschlüsseln wie man aus einer Diskrepanz streitfrei und achtsam entkommen kann, einen so lange hoch stachelt, dass einem kein streitfreier Ausweg bleibt. Es ist mir unbegreiflich und alles andere als mein Hobby zu streiten. Und ich frage mich, ob es Teil, nein ein Muss unserer Gesellschaft, des zwischenmenschlichen Beisammensein oder von Beziehungen ist, zu streiten. Oder ist es gar eine Charaktersache, der Unterschied zwischen dem Aufwachsen als Einzelkind und Kind mit Geschwistern? Ich habe beinahe das Gefühl bekommen, dass meine Zurückhaltung in Sachen „Gedanken an den Kopf werfen“ und „Nein, das lasse ich mir nicht gefallen“ ein „Probieren wir wie weit ich gehen kann“ hervorruft. Auch wenn es eher ein Verhalten ist, dass mir von Kindern bekannt ist, die ihre Grenzen austesten wollen.
Vielleicht sind wir alle erwachsene Kinder.
Oder Teil der unterschiedlichen Streitpolitiken. Ich bekam das Gefühl, sollte ich bei anderen versuchen Gedanken zu lesen, sie Folgendes denken:“Wir haben ein Problem und ich will mit dir darüber streiten. Das bin ich so gewohnt. Ich habe mit meinen Freunden immer so verfahren. Also lass uns endlich streiten! Was ist mit dir los? Warum ziehst du dich zurück? Das kenne ich nicht. Wirf mir endlich meine Fehler an den Kopf, damit ich weiß, was ich falsch gemacht habe und wie ich es wieder gut machen kann.“
während ich mir denke:
„Es gibt ein Problem. Wie soll ich dir das sagen, ohne dass es unangenehm zwischen uns wird? Wir haben doch immer nur Spaß, wie kann ich dir etwas Unangenehmes sagen? Ich will nicht dass es hässlich zwischen uns wird. Aber warum wirst du immer hässlicher zu mir? Ich sage doch trotz deiner Fehler nichts schlechtes zu dir!“.
Tja, leider kann ich nicht Gedanken lesen, daher wird das wohl ein Geheimnis zwischen mir und euch bleiben