Ich denke, also spinn ich!

29 09 2009

In den letzten Wochen habe ich mal wieder am eigenen Leib erfahren, dass es eine Seltenheit ist, Feinfühligkeit an den Tag zu legen, rational zu denken, Termine einzuhalten uvm.

Mein Magengeschwür sagt mir, wann es für mich zu viel wird.

Ja, es kann tatsächlich reden! Nachdem ich sicher einen Monat mit Stress gut umgehen konnte, ärgerte ich mich letzte Woche dermaßen, dass sich das Magengeschwür wieder zu Wort meldete und sagte:“Oida! Es reicht! Setz dich hin und vergiss den ganzen Ärger!“. An dieser Stelle wollte ich mich herzlich bei meinem Magengeschwür bedanken, dass es immer zu mir steht. Jedenfalls wollte ich einen Eklat ansprechen, der Teil der physischen Verschlechterung meines Zustandes ist: ich bin gewissermaßen harmoniesüchtig geworden.

„Harmonie ist eine Strategie“ (Tocotronic)

Jedoch, so wurde mir bewusst, in Ecken gedrängt, dass es manchmal ohne Streit nicht anders geht. Ja, manchmal wird man sogar angefleht endlich Streit zu beginnen. Damit meine ich, dass andere vielleicht an Stellen, an denen ich mich zurück ziehen würde, um zu entschlüsseln wie man aus einer Diskrepanz streitfrei und achtsam entkommen kann, einen so lange hoch stachelt, dass einem kein streitfreier Ausweg bleibt. Es ist mir unbegreiflich und alles andere als mein Hobby zu streiten. Und ich frage mich, ob es Teil, nein ein Muss unserer Gesellschaft, des zwischenmenschlichen Beisammensein oder von Beziehungen ist, zu streiten. Oder ist es gar eine Charaktersache, der Unterschied zwischen dem Aufwachsen als Einzelkind und Kind mit Geschwistern? Ich habe beinahe das Gefühl bekommen, dass meine Zurückhaltung in Sachen „Gedanken an den Kopf werfen“ und „Nein, das lasse ich mir nicht gefallen“ ein „Probieren wir wie weit ich gehen kann“ hervorruft. Auch wenn es eher ein Verhalten ist, dass mir von Kindern bekannt ist, die ihre Grenzen austesten wollen.

Vielleicht sind wir alle erwachsene Kinder.

Oder Teil der unterschiedlichen Streitpolitiken. Ich bekam das Gefühl, sollte ich bei anderen versuchen Gedanken zu lesen, sie Folgendes denken:“Wir haben ein Problem und ich will mit dir darüber streiten. Das bin ich so gewohnt. Ich habe mit meinen Freunden immer so verfahren. Also lass uns endlich streiten! Was ist mit dir los? Warum ziehst du dich zurück? Das kenne ich nicht. Wirf mir endlich meine Fehler an den Kopf, damit ich weiß, was ich falsch gemacht habe und wie ich es wieder gut machen kann.“

während ich mir denke:

„Es gibt ein Problem. Wie soll ich dir das sagen, ohne dass es unangenehm zwischen uns wird? Wir haben doch immer nur Spaß, wie kann ich dir etwas Unangenehmes sagen? Ich will nicht dass es hässlich zwischen uns wird. Aber warum wirst du immer hässlicher zu mir? Ich sage doch trotz deiner Fehler nichts schlechtes zu dir!“.

Tja, leider kann ich nicht Gedanken lesen, daher wird das wohl ein Geheimnis zwischen mir und euch bleiben ;)





Wer bist du eigentlich?

6 09 2009

Fragen Sie sich nicht auch, ab und zu:“ Wer bist du eigentlich?“ ?

Es wundert mich immer wieder, wenn man sich in fremde Gesellschaft begiebt, neue Menschen kennen lernt, wie scheinbar desinteressiert die anderen auf mich wirken. Zumindest fasse ich das Verhalten so auf. Da stellt sich mir oft die Frage, ob ich eine der wenigen, neugierigen Menschen auf dieser Welt bin.

Ich kann mich noch gut an eine Situation erinnern, in der ich quasi ein Gesprächsexperiment versuchte: es war damals eine Weihnachtsfeier der Musikschulklasse und ich kannte persönlich nur die Lehrerin. Sie wurde natürlich von allen Seiten her belagert und hatte keine Zeit, um sich mit mir zu unterhalten. Da saß ich nun: kannte keine Menschenseele, alle unterhielten sich angeregt, da sie sich scheinbar durch einen Chor her kannten und niemand fragte mich auch nur „Wie heißt du eigentlich?“. Nach einer halben Stunde nervte mich das bereits dermaßen, da ich bei der eingeschworenen Partie auch keinen Anschluss fand, dass ich gehen wollte. Nachdem das aber auch meinerseits unpassend gewesen wäre, blieb ich und beschloss den Nächsten, der durch die Tür kommen würde, zu belagern. Es dauerte nicht lange, da schneite ein Mädchen, etwas älter als ich, herein und ich begann sie auszufragen. Es wurde eine sehr nette Unterhaltung, wir erfuhren beispielsweise, dass wir dieselbe Schule besucht hatten und redeten über unsere Lehrer. Ich hatte damals das Gefühl, dass sich die anderen nicht weniger wunderten, weil ich zuvor nur gelangweilt in einer Ecke saß. Wie viel man doch nur mit wenigen Fragen und einem Lächeln bewirken kann…

Bei einer anderen Partie warf ich jedoch irgendwann das Handtuch: es lag auf der Hand, dass sie absolut schüchtern waren und nicht aus sich herraus gehen konnten. Es war damals eine Gruppe junger Männer, die in Gegenwart einer Frau, nicht sie selbst sein konnten. Das ging sogar soweit, dass manche nicht einmal grüßen konnten, wenn ich zur Tür herein kam. Sie blickten verstohlen zu Boden, so als hätte ich sie in einer peinlichen Situation überrascht. Unter Alkoholeinfluss, erkannte man sie nicht wieder. Alle Barrieren wurden gebrochen. Traurig irgendwie… Nach ein paar Monaten hatte ich es satt dieses Verhalten immer nur auf deren Schüchternheit abzutun und beschloss es als bloßes Desinteresse zu betrachten und entfernte mich von ihnen. Warum? Ich hatte sie ja bereits lieb gewonnen, „Aber“, dachte ich,“wie viele Chancen geben mir eigentlich andere Menschen?“ und ich hatte ihnen mehr als genug gegeben. „Ich bin doch auch nur ein Mensch, der es einfach nicht leiden kann, ignoriert zu werden.“

„Es gibt nichts Unangenehmeres als sich vor anderen zu blamieren.“

„Nein, es gibt nichts Besseres als es zu versuchen!“

Eine Standartfrage von mir, wenn ich jemanden treffe ist: „Und was treibst du so? Was gibt es Neues?“. Nicht, aus Gewohnheit, Höflichkeit oder weil es mich eigentlich gar nicht interessiert, sondern um ein Gespräch zustande zu bringen. Was mir in diesen Momenten eigentlich oft beim Gegenüber abgeht.

Warum stellen mir andere keine Fragen?

Wenn Sie die Antwort wissen, bitte schreiben Sie mir einen Kommentar, denn es interessiert mich wirklich brennend! Eine bekannte Situation: das erste Treffen mit den Eltern des neuen Freundes. Wäre ich Mutter, hätte ich wohl tausend Fragen: Wie heißt du?, Was machst du beruflich? Welche Ausbildung hast du gemacht? Was sind deine Hobbies? Was arbeiten deine Eltern?

Kurz:

-Wer bist du eigentlich?-

Aber genau DAS, das Interesse an der eigenen Person, hat mir in solchen Situationen bei den anderen oft gefehlt. Ich kam dahinter, dass Eltern wohl dazu neigen diese Fragen vorab dem Kinde zu stellen. Dass sie dem/r Unbekannten sozusagen schon etwas vorraus haben.

Aber woran liegt es, wenn andere einem keine Fragen stellen? Desinteresse? Schüchternheit? Soziale Ängste? Einfallslosigkeit? Irgendeine Idee?





Die vier apokalyptischen Reiter

26 08 2009

Wir fuhren sofort zu meinen Eltern als wir die Nachricht im Radio hörten. Die Stimme des Sprechers dröhnte durch den Wagen. Die Straßen waren wie ausgestorben und selbst das Wetter verhieß uns Unheilvolles. Als wir in meinem Elternhaus ankamen, sprang ich aus dem Wagen, rannte sofort zur Haustür und klingelte sturm. Mein Freund parkte inzwischen den Wagen und kam mir hinterher. Meine Mutter öffnete die Tür. Sie sah blass und müde aus, genauso wie mein Vater. Ich erfuhr nicht viel von ihnen, sie waren so verzweifelt und gebrochen, dass sie auch keine Chace mehr für sich sahen. Sie hatten sich selbst aufgegeben. Selbst meine Katze war bereits geflohen. Tiere scheinen für solche Situationen ein Gespür zu haben. Aber meine Eltern waren zu ausgelaugt um noch für sich zu kämpfen und ich musste einsehen, dass ich sie auch nicht überreden konnte, mit uns zu kommen. Unser Besuch dauerte darum auch nicht lange. Als wir das Haus verließen, setzten wir uns unsere Staubschutzmasken wieder auf und rannten zum Wagen. „Wohin jetzt?“, fragten wir uns, „Weg einfach nur weg!“

Manuel startete den Wagen. Als er kaum einen Meter gefahren war, rollte uns ein anderes Auto entgegen. Ein Blick auf den Fahrer verriet alles. Manuel wendete mit quietschenden Reifen und fuhr hastig aus der Wohnstraße. Der Anblick des Fahrers hatte sich mir auf die Linse gebrannt. Selbst wenn ich jetzt noch die Augen schließe, kann ich ihn sehen: er hatte den Kopf auf die rechte Schulter gelehnt, Augen und Mund waren weit offen. Seine Haut auf Gesicht und Armen schienen verbrannt, vor allem seine Stirn war verkohlt. Die Stellen an seinem Körper, die die meiste Zugluft abbekamen, sahen am schlimmsten aus. Und so rollte er mit dem Wagen, bis er zum Stillstand kam. Vielleicht war er einer meiner Nachbarn mit denen ich aufgewachsen war. Ich konnte ihn jedenfalls nicht mehr erkennen.

„Vier Bakterien“, brüllte das Radio, als wir eine Landstrasse düsten, „Vier Bakterien, so nach neuen Forschungen, sind es die aufeinander treffen müssen. Halten Sie sich von öffentlichen Plätzen fern und meiden Sie den Kontakt mit Fremden!“. Wir wussten eigentlich gar nicht, wohin wir fahren sollten. Wir würden solange unterwegs sein, bis uns das Benzin ausgehen würde oder bis wir vor Müdigkeit Halt machen mussten.

An mehr erinnere ich mich leider nicht mehr. Nur schemenhafte Momentaufnahmen, die für mich keinen Zusammenhang mehr ergeben. Zahlreiche Bilder dieser Gesichter des Todes und unserer Flucht sehe ich noch vor meinem inneren Auge. Doch es war schön zu wissen, als ich heute morgen aufwachte, das alles noch seinen gewohnten Gang ging.





Angst vor dem Ertrinken

21 08 2009

Ich hatte mein Leben lang extreme Höhenangst, verbunden mit ein wenig Platzangst. Das merkte ich selbst wenn ich mich auf einen Sessel stellen sollte – ganz egal! Einfache Sprünge im Freibad waren für mich schon ein Graus oder Achterbahnen im Prater – daran war nicht zu denken! Aber obwohl mich immer wieder diese Angst begleitet hatte, die sogar zu Panikattacken führte, war es mir immer ein Bedürfnis sie zu überwinden, oder wenigstens auf eloquente Weise damit zu leben und dennoch nicht auf diverse Aktivitäten zu verzichten. Richtig überwunden habe ich sie bis heute wohl nicht, aber ich habe gelernt damit zu leben ohne auf etwas zu verzichten. Mir fiel immer wieder auf, wie viele Menschen auf persönliches Glück verzichten, weil sie unter diversen Ängsten litten. Ängste sind eigentlich Selbstschutz, doch wenn sie Überhand nehmen, liegt es an einem selbst abzuwägen, seine eigene Furcht zu überwinden. Es macht keinen Sinn alles zu verdrängen und obwohl man eigentlich von Herzen wollen würde, auf dieses und jenes verzichtet.

„Selbsterkenntnis ist der erste Weg zur Besserung!“

Das hat einmal mein Griechisch-Professor zu mir gesagt, als ich meinte: „Ich bin so dumm!“, seie nur am Rande erwähnt. Denn zu erkennen, dass man sich selbst mit seinen Ängsten im Weg steht, ist der erste Schritt aus dem Käfig, den man sich selbst gebaut hat.

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich zum ersten Mal im Roten Meer schnorcheln ging. Die ersten Tage unserer Reise traute ich mich nicht, auch nur einen großen Zeh ins Wasser zu strecken. Denn bei unserer Ankunft damals wurden scheinbar durch eine Strömung lauter Quallen angespült. Aber ich sprang über meinen Schatten und traute mich dann doch hinein. Mein erster Bilck unter die Wasseroberfläche löste bei mir eine Panikattacke aus. Das Unterwasserleben war so reich, tausende unterschiedliche Fische tummelten sich um mich. Obwohl ich Angst und Unsicherheit verspürte, gefiel es mir gleichermaßen. Nachdem ich diesen ersten Schritt gewagt hatte, hatte ich Feuer gefangen und meine Angst war mir egal. Ich musste einfach irgendwie damit umgehen lernen. Fortan verbrachte ich bei unseren Reisen zum Roten Meer jede Tageszeit im Wasser. Hätte ich damals meine Angst nicht überwunden, mir wären so viele schöne Dinge verwährt geblieben!





Tun Sie sich einen Gefallen!

20 08 2009

Ich frage mich oft, was es ist, was uns an anderen fasziniert. Man trifft jemanden, versteht sich, wächst vielleicht sogar zusammen. Denn irgendwie ist man gleich. Irgendwie erkennt man sich selbst wieder. Aber irgendwann kommt dieser Punkt, an dem man feststellt, dass nicht jeder wie man selbst empfindet, fühlt oder gar die Welt wahr nimmt. Und seie es drum – man kann nicht alles miteinander teilen, nicht jede Stimmung oder jedes Hobby. Denn jeder ist einfach unterschiedlich, auch, wenn man glaubt, jemanden gefunden zu haben, der so ist wie man selbst.

Da gab es oft Menschen, die ich selbst als bald ins Herz geschlossen habe und nach und nach fiel mir auf…

Zwang. Drängen. Pflicht.

Das schleichende Kleben

In Gesprächen erkannte ich, dass gerade Menschen, denen ich später den Laufpass aus menschlichen Gründen gegeben hatte, das ein oder andere gemeinsam hatten: wir waren sehr oft beisammen und jeder hatte seine Art von Tallent mich auszunützen. Die eine schnorrte Zigarette um Zigarette, bis es selbstverständlich war, dass ich ihr immer welche geben sollte und reagierte mehr als feindzählig, wenn ich einmal „Nein!“ sagte. Bei einer anderen verließ ich einmal ihre Wohnung mit drei alten abgelegten Büchern, die mich gar nicht interessierten und die ich nie wollte, mit der Gegenbitte um einen teuren Wein. Der Ein oder Andere wird sich vielleicht denken, dass ich doch den Mund aufmachen könnte. Aber lassen Sie mich festhalten:

- Es ist ein Tallent bewusst „Nein!“ zu sagen. -

Als ich heute beim Bankomaten Geld behob, kamen mir zwei junge Frauen entgegen mit der Bitte um meine Bankomatkarte. Ja, kein Scherz! Sie meinten sie wollen ins Voyer der geschlossenen Bank. Nachdem diese Bitte mir mehr als fragwürdig vorkam und zwei Freunde auf mich warteten, sagte ich zu ihnen freundlich:“ Wenn Sie nicht bei der Bank sind, dann kommen Sie auch nicht hinein!“. Denn es mache ja eigentlich keinen Sinn in eine Bank zu gehen, in der man eigentlich nicht beheben kann – und – seien wir mal ehrlich, ich lasse mich nicht gerne bestehlen! Jedenfalls haben die beiden Frauen anschließend meinen Wortschatz um einige Schimpfwörter erweitert…

Zurück zum eigentlichen Thema.

Mir wurde klar, dass Menschen denen ich gut und gerne aushalf und die nutzten, was mir nicht bewusst war, hatten den Hang dazu, zu viel zu nehmen. Sie fingen an, an mir zu kleben, weil ich nicht „nein“ sagen konnte. Und was gegen Ende am anstrengendsten war, war das Muss, das Drängen zum Beisammensein. Ich hatte das Gefühl keine Wahl zu haben und sollte ich eines von den fünf Malen, die wir uns jede Woche getroffen hatten, ausfallen lassen, so würde ich eine schlimme Sünde begehen. Ich musste mich tausende Male entschuldigen und das irgendwie wieder gut machen. Mit der Zeit erhielten diese Freundschaften eine Verbissenheit. Ich erkannte die Probleme, konnte sie nicht ändern und wollte aber auch keine Freundschaft aufgeben. Meistens fielen mir erst die Schuppen von den Augen bei Grundsatzdiskussinen wie z.B. dass ich nicht geschlagen werden möchte und ich auf Null Tolleranz stieß. Aber auch wenn man jemanden gerne hat, darf man sich nicht alles gefallen lassen, aus Angst an eine Wand zu laufen. Man muss von Anfang an klar stellen, wo Grenzen liegen. Damit tut man sich selbst den größten Gefallen!